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Max vs. Lewis - die Analyse

Viel wurde schon über die Kollision von Max Verstappen und Lewis Hamilton in Silverstone gesprochen und geschrieben. Wenn es um die Frage ging, wie diese Kollision hätte verhindert werden können, wurde immer nur über Copse Corner gesprochen. Dabei hatten beide Piloten vielleicht schon viel früher die Gelegenheit dazu.

Mit dieser Analyse möchte ich ein paar Dinge ansprechen, die meiner Meinung nach bisher zu kurz gekommen sind. Dabei sie dir als Leser bewusst, dass ich zum einen leider bisher noch kein Formel-1-Fahrzeug bewegt habe. Es mag also sein, dass manch anderer Analyst oder Fahrer es anders sieht als ich. Und zum anderen treffen Max und Lewis ihre Entscheidungen in Bruchteilen von Sekunden, während wir hier alles in aller Ruhe bis ins Kleinste sezieren können. Das sollte man nicht vergessen.

RegelBuch

Beginnen wir zunächst mit dem Regelbuch der Formel 1. Im Nachgang des Grand Prix wurde die E-Mail von Toto Wolff an Renndirektor Michael Masi viel diskutiert. In einigen Medien wurde der Inhalt veröffentlicht und auch ein Diagramm mitgeliefert, das die Regeln der Formel 1 in Bezug auf das Überholen darstellen soll. Hier das Diagramm, das von motorsport-total.com erstellt wurde:

Quelle: www.facebook.com/f1christiannimmervoll
Quelle: www.facebook.com/f1christiannimmervoll

Wenn es wirklich der Wahrheit entspricht, gibt es einen Punkt, den ich im Rahmen dieser Analyse hinterfragen muss. Versetzt man sich in die Lage des linken Fahrers in den beiden unter "Ja" dargestellten Situationen und schaut sich den Erläuterungstext darunter an, so gehört dem linken Fahrer in der rechten "Ja"-Situation die Kurve, in der linken "Ja"-Situation aber nicht, obwohl er in der linken Situation weiter vor dem anderen Fahrer liegt als in der rechten Situation. Das kann für die Fahrer nur verwirrend sein. Meiner Meinung nach gehört dem kurveninneren Fahrer die Kurve, wenn er mindestens auf gleicher Höhe ist. Dann kann er die Rennlinie bestimmen. Wenn der äußere Fahrer vorne ist, muss ihm Platz eingeräumt werden. Genauso muss umgekehrt der kurvenäußere Fahrer dem inneren Fahrer Platz geben, wenn der innere Fahrer zwar nicht auf gleicher Höhe, aber signifikant daneben ist.

Das Duell

So geschehen übrigens ein paar Kurven vor dem Crash am Ende der Wellington Straight. Hamilton ist außen und vorne, lässt Verstappen aber innen Platz, weil dieser vor der Kurve noch signifikant neben ihm ist. Dadurch - und weil die nachfolgende Kurve (Kurve 6 "Brooklands") einen relativ engen Radius (im Vergleich zu Copse Corner/Kurve 9) hat, kann Verstappen vorne bleiben:

Linker Screenshot: Anfahrt Kurve 6, Rechter Screenshot: Ausgang Kurve 6, Quelle: f1tv.formula1.com

Zu diesem Zeitpunkt des Duells schenken sich beide nichts. Verstappen ist einfach in der besseren Position. Hamilton schafft es auf der Wellington Straight nicht komplett an Verstappen vorbei - auch nicht durch sehr spätes Bremsen. Daher kann er nicht viel machen - außer sich für die nachfolgende Kurve und die darauf folgende Vollgaspassage (Woodcote/alte Start-Ziel-Gerade) gut zu platzieren. Das tut er hier auch. Er hinterkreuzt Verstappen am Ausgang von Kurve 6 und wählt für den Eingang für Kurve 7 eine weitere Linie, um früher Gas geben und mehr Schwung mit auf die Vollgaspassage nehmen zu können:

Kurve 7 - Hamilton wählt die weitere Linie
Kurve 7 - Hamilton wählt die weitere Linie

Wie die Kollision hätte verhindert werden können

Ausgang Kurve 7 - Hamilton hat einen kleinen Quersteher und muss korrigieren
Ausgang Kurve 7 - Hamilton hat einen kleinen Quersteher und muss korrigieren

Unmittelbar danach kommt es aber zu einem kleinen Fehler von Hamilton, der zu den bekannten Folgen in Copse Corner beiträgt.

Die Kollision hätte von beiden Fahrern verhindert werden können. Und zwar in 3 Situationen: Zum einen sieht man am Ausgang von Kurve 7, dass Hamilton einen kleinen Quersteher hat (siehe Bild links) und damit nicht ganz optimal auf die alte Start-Ziel-Gerade herausbeschleunigt. Damit fehlt ihm Schwung in der Anfahrt auf Copse Corner. Hätte er den Quersteher hier nicht gehabt, hätte er es für Copse Corner vielleicht komplett neben Verstappen geschafft und hätte ihm dort auf der Innenbahn seine Rennlinie aufzwingen können.

Zum anderen hätte aber auch Verstappen die Entscheidung möglicherweise schon früher herbeiführen können. In Kurve 4 hinein verteidigt er die Innenbahn. Aber war das wirklich nötig? Hamilton hätte an der Stelle vermutlich nicht komplett innen neben ihn kommen können und ihm damit immer Platz auf der Außenbahn einräumen müssen, selbst wenn er innen attackiert hätte. Auf der Außenbahn hätte Verstappen hingegen immer die bessere Beschleunigung und damit auf der Wellington Straight die Vorteile auf seiner Seite gehabt. Mit seiner hier gewählten Linie macht Verstappen die Attacke auf der Wellington Straight für Hamilton einfacher. Hamilton fährt Kurve 4 viel weiter außen an und ist dadurch am Ausgang direkt am Heck von Verstappen und gibt nahezu gleichzeitig mit ihm Gas. So wird die Attacke auf der Wellington Straight erst so gefährlich für Verstappen.

Vermutlich hätte ihn Hamilton auch attackiert, wenn Verstappen am Eingang von Kurve 4 eine weitere Linie gewählt hätte, aber er wäre vor Kurve 6 nicht so weit neben ihn gekommen und damit hätte Verstappen es in den Kurven 6 und 7 einfacher gehabt (und die Attacke in Copse Corner wäre vielleicht gar nicht erst passiert).

Links: Anfahrt Kurve 4, Mitte: Eingang Kurve 4, Rechts: Ausgang Kurve 4, Quelle: f1tv.formula1.com

Situation Nummer 3 ist dann die viel diskutierte in Copse Corner. Hier wäre es dann wieder an Hamilton gewesen, die Kollision zu verhindern. Verstappen macht mit ihm im Grunde das gleiche, wie Hamilton mit Verstappen am Ende der Wellington Straight. Er gibt ihm Platz. Nur hat Copse Corner einen viel weiteren Radius als Brooklands (Kurve 6) - und zusätzlich einen Parkplatz als Auslaufzone - so dass der kurvenäußere Fahrer, sofern er vor der Kurve vorne ist, gute Chancen hat auch nach der Kurve vorne zu sein. Das wollte Hamilton um jeden Preis verhindern, weil er aus dem Sprint am Samstag wusste, dass es anschließend schwer werden würde gegen Verstappen zu gewinnen. Also hat er alles versucht, vor der Kurve noch auf gleiche Höhe neben Verstappen zu kommen, um ihm seine Linie aufzwingen zu können, hat dadurch zu spät gebremst und ist in Verstappen untersteuert. Das haben auch die Rennkommissare so gesehen.

Das verhalten danach

Dass Hamilton es in Runde 1 versuchen musste, war klar. Und ohne den kleinen Quersteher am Ausgang von Kurve 7 hätte er es vielleicht auch geschafft, Verstappen zu überholen. Aber es hat nunmal nicht geklappt und das Manöver ist schief gegangen. Das kann selbst einem siebenfachen Weltmeister passieren. Wie oben schon geschrieben, sind das Entscheidungen in Bruchteilen von Sekunden. Dass er trotz des Zwischenfalls versucht, das Rennen zu gewinnen, ist legitim und völlig normal. Er macht das ja nicht nur für sich, sondern auch für das Team und die Mitarbeiter. Aber dann gehört es für einen Sportsmann auch dazu, sich anschließend für seinen Fehler zu entschuldigen und nicht - während der Kontrahent im Krankenhaus ist - ausgelassen zu feiern. Nun gibt es Leute, die sagen, alle großen Fahrer waren so und wenn sie es nicht gewesen wären, wären sie nicht so oft Weltmeister geworden. Das mag sein. Ich frage mich aber, ob jemand, der der Größte aller Zeiten sein möchte, nicht erst recht die Größe haben sollte, seinen Fehler einzugestehen und sich zu entschuldigen - zumal als "Sir". Man darf nie vergessen, welche Vorbild-Funktion diese Fahrer für junge Nachwuchspiloten haben. Was soll denen vermittelt werden? Egoismus oder sportliches Verhalten?

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Kommentare: 2
  • #1

    DANCE DA TRACK (Donnerstag, 29 Juli 2021 11:31)

    Schöne, ausgewogene Betrachtung, danke! Bin in allen Belangen voll und ganz Deiner Ansicht.

    Jetzt ist es natürlich nur so, dass Lewis eben keinen eigenen Fehler sieht, für den er sich entschuldigen müsste.

    Zumindest offiziell… .

    In Wahrheit - glaube ich - weiß er das schon richtig einzuschätzen, will aber im Sinne der psychologischen Kriegsführung nun einfach deutlich „Kante zeigen“ gegenüber Max - auf und neben der Strecke.

    Denn dieses Jahr hat er die vielleicht größte Challenge, den Titel überhaupt zu holen und gleichzeitig wäre jener Rekord seiner 8. WM dann umso süßer, weil dann niemand mehr sagen könnte, er hätte das im Cruisen erledigt;)

    Zum Thema Vorbild übrigens… Ich erinnere mich noch gut daran, wie er solche Sprüche über Vettel ließ wegen des Baku-Rammers. Sinngemäß: „Was sollen die jungen Nachwuchsfahrer denken, wenn ein 4-maliger Champ so was macht?“
    Auf mich wirkte das seinerzeit reichlich oberlehrerhaft, so eine Moralkeule zu schwingen. Aber er spielt das Spiel halt so wie es nötig ist, oft so gerade am Limit auf und neben der Strecke, und man könnte sagen, der Erfolg gibt ihm recht.

    Ich glaube, dass er Max sehr gezielt provozieren und damit in Fehler treiben will, weil Max Temperament ggf immer noch seine größte Schwäche ist und Lewis darin seine einzige Chance sieht, endgültig Schumi zu übertrumpfen …

    Bin gespannt, wie es bei den beiden weitergeht. Könnte noch fies werden…

  • #2

    Hei-Jo (Sonntag, 15 August 2021 10:43)

    Besser hätte man es nicht schreiben können.

    Für mich hatte Hamilton auf der Position einfach nichts zu suchen. Das wusste er auch.
    Das er alles geben mußte um in der Situation an Verstappen vorbei zu kommen war ihm bewusst und er hat es meiner Meinung auch in kauf genommen, sonst wäre Verstappen weg gewesen und hätte das Rennen wahrscheinlich gewonnen. Wenn man die Saison 2021 mal nüchtern betrachtet stellt man fest das Hamilton gar nicht mehr so cool ist wie sonst. Es ist schon nervös und macht mehr Fehler als sonst.
    Nach dem Rennen mußte er auch erstmal richtig Druck ablassen.
    Ich glaube in dem Moment hat er sich keine Gedanken über Verstappen und den erst der Welt gemacht.

    Der Kampf wird weiter gehen und beide werden sich nicht´s schenken.