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Manöverkritik - Verstappen vs. Leclerc

Der Große Preis von Saudi Arabien sah ein weiteres Duell zwischen Max Verstappen und Charles Leclerc. Ähnlich wie in Bahrain machte sich Verstappen das Leben aber unnötig schwer. Wieso und weshalb erfährst du in meiner heutigen Analyse.

Dabei sei dir als Leser bewusst, dass ich zum einen leider bisher noch kein Formel-1-Fahrzeug bewegt habe. Es mag also sein, dass manch anderer Analyst oder Fahrer es anders sieht als ich. Und zum anderen treffen die Fahrer ihre Entscheidungen in Bruchteilen von Sekunden, während wir hier alles in aller Ruhe bis ins Kleinste sezieren können. Das sollte man nicht vergessen.

Runde 42 - Überholversuch Nummer 1

Bild 1: Leclerc deckt die Innenbahn ab. Verstappen zieht bereits Mitte der Geraden außen vorbei. Quelle: F1TV
Bild 1: Leclerc deckt die Innenbahn ab. Verstappen zieht bereits Mitte der Geraden außen vorbei. Quelle: F1TV

Bereits zu Beginn der letzten Gerade vor der letzten Kurve setzt Max Verstappen zum Überholmanöver an und zieht dank DRS bereits frühzeitig an Leclerc vorbei (Bild 1). Dieser deckt die Innenseite ab, um a) Verstappen dazu zu zwingen außen herum den weiteren Weg zu fahren und b) vielleicht innen in die letzte Kurve hinein doch noch irgendwie dagegen halten zu können.

 

Der Geschwindigkeitsüberschuss von Verstappen ist aber so groß, dass er am Ende der Geraden vor der letzten Kurve bereits deutlich vorne liegt (Bild 2). Ein Konter von Leclerc in die letzte Kurve hinein ist zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Trotzdem ist es aus Leclercs Sicht sinnvoll, zunächst die Innenbahn zu nehmen, damit eben Verstappen außen herum den längeren Weg hat. Außerdem zeigt er Verstappen dadurch an, dass er die Position nicht kampflos hergibt, obwohl der Überholvorgang in diesem Moment unvermeidlich ist und - das ist das Entscheidende - lockt Verstappen ein bisschen in die Falle. Denn alleine die Gefahr, dass er innen in die letzte Kurve hinein vielleicht dagegen halten könnte, sorgt dafür, dass Verstappen einen Fehler begeht, der ihm das Leben unnötig schwer macht.

Bild 2: Anfahrt letzte Kurve. Verstappen fährt sie innen an, Leclerc außen. Quelle: F1TV
Bild 2: Anfahrt letzte Kurve. Verstappen fährt sie innen an, Leclerc außen. Quelle: F1TV

Und zwar zieht Verstappen vor der letzten Kurve auf die Innenbahn sobald er an Leclerc vorbei ist (Bild 2). Die Idee dahinter ist, Leclerc zu zeigen, dass er es auf der Innenbahn mit einem Konter gar nicht erst zu versuchen braucht. An der grundsätzlichen Idee ist nichts auszusetzen, allerdings war dieses Verteidigungsmanöver aus meiner Sicht aus mehreren Gründen überhaupt nicht nötig.

 

1. War Leclerc zu weit weg, um innen überhaupt etwas versuchen zu können.

 

2. Wird Leclerc auf der Start-Ziel-Geraden definitiv DRS bekommen. Verstappens Fokus sollte demnach darauf liegen, einen möglichst guten Exit zu fahren, also bestmöglich aus der letzten Kurve heraus zu beschleunigen. Das funktioniert bekanntlich am besten, wenn man die Kurve von außen anfährt. Selbst in dem äußerst unwahrscheinlichen Fall, dass Leclerc es doch innen in die Kurve hinein versucht, hat Verstappen von außen die wesentlich bessere Beschleunigung auf die Gerade. Gepaart mit seinem Topspeed-Vorteil, den Verstappen gegenüber Leclerc sowieso schon das ganze Rennen über hatte, wäre es für Leclerc selbst mit DRS schwierig geworden, am Ende von Start-Ziel vorne zu sein.

Bild 3-5: Verstappen verpasst den Scheitelpunkt, hat am Ausgang einen Quersteher und nimmt so weniger Geschwindigkeit mit auf die Gerade.

Quelle: F1TV

Dem ersten kleinen Fehler, die Innenbahn zu nehmen, folgte bei Verstappen fast zwangsläufig ein weiterer (Bild 3-5): Vermutlich ist er das gesamte Wochenende über die letzte Kurve nie im Renntempo von innen angefahren. Außerdem kam er durch Windschatten und DRS an diesem Wochenende dort vermutlich auch noch nie so schnell an. Das macht es natürlich schwierig, den Bremspunkt richtig einzuschätzen. Er hat sich in der Folge ein bisschen vertan und den Scheitelpunkt verpasst. Mit dem Wissen, dass Leclerc DRS haben würde, wollte er natürlich so schnell wie möglich aus der letzten Kurve heraus beschleunigen. Da reicht schon ein minimales bisschen Gas zu viel, um einen kleinen Quersteher zu produzieren, der dann natürlich auch nicht hilft. Die Folge war, dass Leclerc mit DRS und dem besseren Ausgang aus der letzten Kurve locker wieder an Verstappen vorbei ziehen konnte.

Runde 43 - Überholversuch nummer 2

Bild 6: Leclerc und Verstappen bremsen gleichzeitig, um an der DRS Linie nicht vorne zu sein. Quelle: F1TV
Bild 6: Leclerc und Verstappen bremsen gleichzeitig, um an der DRS Linie nicht vorne zu sein. Quelle: F1TV

Eine Runde später an gleicher Stelle kam es zum nächsten Duell. Wieder kam Verstappen vor der letzten Kurve mit Überschuss an Leclerc heran und wäre auch vorbei gekommen, wenn er nicht absichtlich verlangsamt hätte, um am DRS Detection Point hinter Leclerc zu sein und auf Start-Ziel DRS zu bekommen.

Leclerc hatte die gleiche Idee und bremste ebenfalls ab, als Verstappen neben ihm auftauchte. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer: Erneut nimmt Verstappen ungezwungen die Innenbahn. Seine Idee dahinter ist, dass er Leclerc in der Kurve stören möchte, damit dieser nicht perfekt rausbeschleunigen kann.

Leclerc tut dies aber dennoch. Sein Timing als er sieht, dass Verstappen ebenfalls verzögert, ist sehr gut. Er kann von außen bestmöglich aus der letzten Kurve herausbeschleunigen, während Verstappen von weiter innen die schlechtere Beschleunigung hat. Im Ergebnis half selbst DRS auf Start-Ziel nicht. Leclerc blieb vorne. Hier wäre es aus Verstappens Sicht vermutlich am besten gewesen, außen direkt hinter Leclerc zu bleiben, sich auf einen perfekten Ausgang zu konzentrieren und dann mit eben diesem perfekten Ausgang, dem Topspeed-Vorteil des Red Bulls und DRS an Leclerc vorbei zu fahren. Damit hätte er auch keinen Verbremser riskiert, der ihn an dieser Stelle fast den Rennsieg gekostet hätte.

Runde 46 - Überholversuch Nummer 3

Bild 7: Verstappen bleibt deutlicher hinter Leclerc
Bild 7: Verstappen bleibt deutlicher hinter Leclerc

Zum Glück wurden die Reifen aber nicht zu sehr in Mitleidenschaft gezogen und ein paar Runden später bekam Verstappen noch einen Versuch.

Auch hier nimmt er die Innenbahn, bleibt aber deutlicher hinter Leclerc (Bild 7), um besser auf ihn reagieren zu können als in Versuch 2.

Sein Plan geht diesmal auf. Er stört Leclerc minimal in die letzte Kurve hinein. Dieser fährt daraufhin in der Kurvenmitte ein wenig abseits der Ideallinie, weil er Verstappen innen Platz gibt und hat dadurch einen kleinen Quersteher am Kurvenausgang. So ist Verstappen in der Lage, Leclerc auf Start-Ziel zu überholen und kann das Rennen gewinnen.

Auch wenn das Manöver in diesem Fall geklappt hat und der Plan aufgegangen ist, ist auch hier die Frage, ob es wirklich nötig war, die letzte Kurve weiter innen zu fahren als normal oder ob es nicht genauso gut oder vielleicht noch besser geklappt hätte, wenn Verstappen die Kurve ganz normal von außen angefahren wäre. Einen Grund würde ich an der Stelle gelten lassen, auch wenn ich die Wahrscheinlichkeit für gering halte: Vielleicht wollte er nicht direkt hinter Leclerc fahren, weil er befürchtete, dieser würde wegen des DRS Detection Points verzögern und er Gefahr laufen, dann hinten auf zu fahren.

Fazit

Aus meiner Sicht hätte dieses Duell bereits in Runde 42 entschieden werden können, allerspätestens in Runde 43. Natürlich können wir nicht wissen, was danach noch passiert wäre und ob Leclerc doch noch einmal die Chance auf einen Konter bekommen hätte. Durch den Topspeed-Vorteil des Red Bulls zweifle ich aber daran.

 

Am Endergebnis ändert sich nichts - egal ob das Manöver nun in Runde 42, 43 oder 46 entschieden wurde. Aber man stelle sich einfach mal vor, das Rennen wäre in Runde 43 abgebrochen worden - auf diesem Kurs nicht gänzlich unwahrscheinlich. Dann hätte Leclerc vor Verstappen gewonnen und in der Meisterschaft 14 Punkte mehr Vorsprung. Diese 14 Punkte können am Jahresende ganz schön weh tun. Das klingt jetzt alles sehr viel nach "hätte, wäre, wenn". Was ich nur deutlich machen möchte: Solche kleinen Fehler können große Auswirkungen haben. In einem Sport, in dem alles mehr und mehr perfektioniert wird und bei der Entwicklung der Autos Millionen für kleinste Zeitgewinne ausgegeben werden, muss auch darauf geschaut werden dürfen, welche Entscheidungen die Fahrer in Bruchteilen von Sekunden treffen. Davon hängt ein Saisonergebnis genauso ab, wie von der Schnelligkeit und Zuverlässigkeit der Boliden.

 

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich halte Verstappen für einen begnadeten Rennfahrer und rechne fest damit, dass er Schumachers und Hamiltons Rekorde brechen wird. Das Timing seines Überholmanövers gegen Hamilton beim Saisonfinale 2021 war genial. Aber auch die Besten machen Fehler. Davon lebt jeder Sport. Für uns als Fans ist das toll anzuschauen und wir wollen ja solche packenden Duelle sehen, die über mehrere Runden gehen. Aus Sicht der Teams könnte ich mir aber vorstellen, wünschen sie sich hier und da bessere Entscheidungen ihrer Fahrer - selbst von einem Ausnahmekönner wie Max Verstappen.

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